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Zöliakie/Glutenintoleranz ein Gastbeitrag von Vilmos (Willi) Fux

Brot Ulten

Willi erklär uns bitte kurz den Unterschied zwischen Zöliakie und Glutenintoleranz bzw. Glutensensitivität:

Die Zöliakie ist eine Autoimmunerkrankung des Dünndarms die in genetisch prädisponierten (vorbelasteten) Individuen durch glutenhaltiges Getreide wie Weizen, Roggen, Dinkel, Gerste, Einkorn, und Kamut verursacht wird. In den westlichen Ländern ist die Zöliakie bei ca. 1% der Bevölkerung, während sie in Skandinavischen Ländern schon bei 1 von 75 Menschen vorzufinden ist. Die Zöliakie kann sich sowohl mit Darmbeschwerden, als auch Symptome außerhalb des Darms ohne klassiche Darmbeschwerden manifestieren. Gene und glutenhaltiges Getreide alleine reichen nicht aus, um daran zu erkranken, exogene Faktoren (wie auch Pestizide wie Roundup, Rauchen, Stress) und immunogene Komponenten sind weitere Risikofaktoren um an Zöliakie zu erkranken.

Symptome außerhalb des Darms ohne klassische Malabsorptionssymptome sind immer häufiger vorzufinden. Die Zöliakie kann folgende häufige Symptome hervorrufen:

1) Durchfälle mit Gewichtsverlust
2) Chronische Durchfälle mit oder ohne Bauchschmerzen
3) Chronischer Eisenmangel mit Anämie
4) Metabolische Knochenerkrankungen und frühzeitige Osteoporose
5) Blähungen
6) Gewichtsverlust
7) erhöhte Leberenzyme
8) Zufällig per Endoskopie oder Histologie entdeckte Schwund der Darmzotten
9) Dermatitis herpetiformis (eine Hautkrankheit aus der Gruppe der blasenbildenden Autoimmundermatosen)
10) Periphere Neuropathie
11) Mundgeschwüre
12) Wachstumsversagen
13) Verfärbte Zähne und synchroner Zahnschmelzverlust
14) Schilddrüsenerkrankungen
15) Chronisch entzündliche Darmerkrankungen
16) Down und Turner Syndrom
17) Migräne
18) Epilepsie

Neurologische Symptome sind bei ca. 6-10% der Zöliaken aufzutreffen. In Subgruppen der Schizophrenie ist ebenfalls eine Zöliakie aufzutreffen. Patienten mit Zöliakie haben ein erhöhtes Risiko T-Zell-Non-Hodgkin-Lymphome und weitere Autoimmunerkrankungen zu entwickeln, wenn die glutenfreie Ernährung, die 100% strikt sein muss, nicht eingehalten wird.

Die Glutensensitivität, oder genauer gesagt, die Nicht-Zöliakie-Glutensensivität ist eine Glutenintoleranz, die nicht auf autoimmunogener oder allergischer Basis verläuft, sondern man vermutet, dass sie auf eine Fehlsteuerung der angeboren Immunität beruht. Die Häufigkeit wird akutell bei 6-10% geschätzt, jedoch werden erst bessere und größere Studien die genaue Zahl ermitteln. Sie kann genau wie die Zöliakie verschiedene Symptome hervorrufen:

  1. Übelkeit
  2. Sodbrennen
  3. Bauchschmerzen
  4. Blähungen
  5. Durchfälle
  6. Verstopfung
  7. Fibromyalgie
  8. Gelenksschmerzen
  9. Muskelschmerzen
  10. Migräne
  11. Depressionen
  12. Konzentrations- & Angststörungen
  13. Ekzeme

Laut bisherigen Daten erfordert die Glutensensivität keine 100% strikte glutenfreie Ernährung, ist nicht verbunden mit einem erhöhten Krebs und Autoimmunerkrankungsrisiko und die Betroffenen können sich erlauben ab und an mal etwas lascher in der Ernährung zu sein, müssen nur ihre Symptome in Kauf nehmen, diese sind aber in Stunden bis wenigen Tagen komplett reversibel, anders wie bei der Zöliakie, wo ein Diätfehler Symptome von Wochen bis Monaten verursachen kann.

Welche Möglichkeiten der Glutenintoleranz-Testungen gibt es? Welche Testungen machen wann Sinn? 

Prinzipiell muss man sich bei jeder Testung 2 Begriffe bewusst sein: Sensitivität und Spezifität. Unter Sensivität versteht man die Fähigkeit eines Tests den Anteil an tatsächlich Kranken, unter Spezifitität den Anteil an tatsächlich Gesunden zu identifizieren. Bei der Zöliakie haben wir Marker, die beide Kriterien sehr gut erfüllen, diese sind:

1) Antikörper gegen Gewebstransglutaminase (tTG) vom IgA und IgG typ
2) Antikörper gegen deamidierte Gliadinpeptide (DGP) IgG
3) Antikörper gegen Endomysium (EMA) IgA

Aus Kostengründen soll nicht auf alle Marker gescreent werden. In der Regel werden Antikörper gegen Gewebstransglutaminase vom IgA Typ getestet und gleichzeitig die Gesamtimmunglobuline der IgA Klasse getestet, da Zöliaken oft gleichzeitig einen IgA-Mangel aufweisen. Hier werden dann eben die Antikörper gegen Gewebstransglutaminase vom IgG Typ getestet. Dies reicht jedoch für die Diagnose der Zöliakie noch nicht aus, es müssen noch mehrere Biopsien aus dem Dünndarm entnommen werden, der Grad der Schädigung der Darmschleimhaut wird dann von einem Pathologen ermittelt. Ganz wichtig: Die Testung der Zöliakie muss unter glutenhaltiger Diät erfolgen, sonst ist sie nicht mehr nachweisbar. Wer sich schon länger glutenfrei ernährt muss leider mindestens 4 Wochen täglich am besten 3-6 g Gluten konsumieren.

Antikörper gegen Gliadin, sowohl im Blut als auch im Stuhl gelten, aufgrund ihrer niedrigen Sensivität und Spezifität, nicht mehr als diagnostisch und werden nicht empfohlen. (ob es jetzt deinen Patienten besser geht, weil sie Gluten weglassen, ist immer die Frage ob es wirklich am Gluten liegt oder anderen Komponenten des Getreides, dann darf aber nicht von Glutensensitivität geredet werden. Man vermutet ein Spektrum von Patienten, die aktuell als glutensensivit einzustufen sind, andere Komponenten nicht vertragen)

Die Glutensensitivität kann man heute noch nicht testen. Obwohl daran noch viel geforscht wird, bleibt sie eine Ausschlussdiagnose, sprich sie wird gestellt, wenn die Zöliakie und Weizenallergie ausgeschlossen wurden.

Bei der Blutuntersuchung, die die Krankenkasse bei Hashimoto zahlt: Was genau wird da gemessen und wie aussagekräftig ist diese Untersuchung?

Wie bereits erwähnt ist eine genetische Komponente aus immunologischer Sicht absolut notwendig um an Zöliakie zu erkranken. Die zwei Allelen, die bei der Zöliakie bekannt sind, sind HLA DQ 2 und HLA DQ8. In Österreich wird dieser Gentest bei den am häufigsten mit der Zöliakie assoziierten Autoimmunerkrankung wie die Hashimoto Thyreoditis und der Typ 1 Diabetes von den Krankenkassen bezahlt. Fällt der Gentest negativ aus, bedeutet das, dass man sicher nie an Zöliakie erkranken kann (da eine Aktivierung von Autoantigenen im Körper durch Gluten und eine so starke Erhöhung der intestinalen Permeabilität, wie sie bei der Zöliakie zu sehen ist, nicht möglich ist), und die eigene Autoimmunerkrankung nicht primär durch Gluten verursacht werden kann. Fällt der Gentest positiv aus, heißt das, dass man das Risiko an Zöliakie zu erkranken zwar hat, aber eine Garantie ist es immer noch nicht, schließlich trägt 1 Drittel der Bevölkerung dieses Gen, tatsächlich erkranken tun es trotzdem nur 1%. Die Diagnose müsste also bei Hashimoto und Typ 1 Diabetes unter glutenhaltiger Diät mit Dünndarmbiopsie erfolgen. In der Regel wird das auch gemacht und einmal im Jahr zuerst serologisch gescreent und wenn die Befunde positiv ausfallen, dann eben auch biopsiert.

Welchen Tipp gibst du Hashimoto-Erkrankten, die noch nicht auf Gluten verzichten? Was sollen sie testen?

Sie sollten sich in erster Linie auf die Zöliakie testen lassen und in Österreich den Gentest ausnutzen. Wenn sie immer noch weiterhin Gluten konsumieren möchten, sollten sie sich einmal im Jahr serologisch auf die einen der oben genannten Marker der Zöliakie testen lassen, falls der Gentest positiv ausgefallen ist, oder dieser nicht von den Krankenkassen im Ausland bezahlt wurden.

Eine kleine Studie mit 14 Patienten mit Hashimoto zeigte jedoch, dass 6 davon schon kleine Schleimhautveränderungen und einen Anstieg von Immunzellen im Dünndarm aufwiesen, obwohl serologische Marker der Zöliakie negativ ausfielen. Dies könnte eine potentielle Zöliakie im Anfangsstadium sein. Die Blutmarker der Zöliakie können diese Anfangsstadien eben nicht identifizieren.

Allerdings können gewisse Eiweiße wie Gluten (dazu gehören auch die Eiweiße der Kuhmilch), bei Menschen mit fehlgesteuertem Immunsystem (dazu zählen auch Leute mit Autoimmunerkrankungen) , eher leichte Entzündungen auslösen (in der Literatur auch als „toxicant induced loss of tolerance“ bekannt), und dadurch zur Verschlechterung von Symptomen führen ohne eine Zöliakie auszulösen, da das Immunsystem in diesem Fall auf das Gluten viel sensibler reagiert („sensitivity related illness“). Man kann also eine glutenfreie Ernährung bei Hashimoto, ohne nachgewiesener Zöliakie, trotzdem ausprobieren und schauen ob eine Besserung der Symptome stattfindet.

Rätst du von Selbsttests (Elimination über Wochen, dann Belastungstag) eher ab? Gluten ist ja nur ein Teil des Übels: leider gibt es ja auch andere Fraktionen im Getreide, die ähnliche Beschwerden machen – kann man diese auch testen?

Ich rate jedem Patienten mit Verdacht auf Glutenintoleranz sich vor Beginn einer glutenfreien Ernährung sich auf Zöliakie zu testen, da diese Diagnose ein strikte Ernährungsumstellungen erfordert und ein Nichteinhalten der Diät mit den bereits genannten Risiken (erhöhtes Risiko für Darmtumore und weitere Autoimmunerkrankungen).

Wenn dieser Verdacht ausgeschlossen wurde, kann trotzdem ein Versuch einer glutenfreien Diät gestartet werden, im Kontext einer Glutensensitivität. Eine glutenfreie Diät auszuprobieren kostet nichts. Wer nach glutenfreien Alternativen sucht, ist mit den Rezepten bei LowCarbGoodies gut aufgehoben. Nach einem glutenfreien Intervall, wie z.B. 30 Tage, kann man das Experiment wagen und Gluten probieren und beobachten ob man darauf auf irgendeine Weise reagiert.

Tatsächlich gibt es auch andere Fragmente von Getreide, die zu Beschwerden führen können, mit Ausnahme von der Weizenallergie, manifestieren sich diese aber eher nur im Magen-Darm-Trakt.
Folgende Getreideunverträglichkeiten kann man noch testen, allerdings mit einer geringeren Sensivität und Spezifität und die Problematik liegt eher darin, dass Weizen von allen Getreidesorten, am hochallergensten wirkt und noch nicht alle Allergene entschlüsselt worden sind:

1) IgE gegen Weizen, Dinkel, Roggen, Gerste, Hafer, Kamut oder deren Hybdridstämme
2) IgE Antikörper speziell gegen Omega-5-Gliadine des Weizens
3) IgE gegen Alpha Purothionin (Tri a 37)
4) IgE gegen Weizenlektin

Folgende Getreidekomponenten können Darmbeschwerden verursachen, können aber noch nicht akkurat getestet werden:

1) Ballaststoffe des vollen Korn
2) Phytinsäure (Antinährstoff im Vollen Korn)
3) Alpha-Amylase-Inhibitor im Weizen

DANKE Willi (Vilmos) für deine ausführlichen Antworten!

Vilmos Fux ist Medizinstudent im Praktischen Jahr an der Medizinischen Universität Innsbruck, leitet im Rahmen seiner Diplomarbeit eine retrospektive Studie zum Thema „die Klinik der Glutenintoleranz im Erwachsenenalter“ an der Universitätsklinik Innsbruck und hält freiberuflich Seminare zum Thema Paleo, Beyond Paleo und Funktionelle Medizin sowohl in Österreich als auch in Deutschland überwiegend für Crossfit Boxen. Bei Interesse und Kontaktaufnahme ist er auf seiner Facebookseite zu erreichen: www.facebook.com/RealFoodSeminar

Quellen:
Toxicant-induced loss of tolerance—an emerging theory of disease? Miller, 1997
Gluten sensitivity: a many headed hydra – Hadjivassiliou, 1999
Coeliac disease and Type 1 diabetes mellitus – the case for screening – Holmes, 2001
Markers of potential coeliac disease in patients with Hashimoto’s thyroiditis- Valentino R et al, 2002
Coeliac disease in Dutch patients with Hashimoto’s Thyreoditis and vice versa – Hadithi et al 2007
Explaining “Unexplained Illness”: Disease Paradigm for Chronic Fatigue Syndrome, Multiple Chemical Sensitivity, Fibromyalgia, Post-Traumatic Stress Disorder, Gulf War Syndrome and Others – Pall, 2007
The role of wheat ω-5 gliadin IgE antibodies as a diagnostic tool for wheat allergy in childhood – Beyer et al, 2008
The natural history of wheat allergy – Keet et al, 2009
Neurological Symptoms in Patients with Biopsy Proven Celiac Disease – Bürk et al, 2009
Sensitivity-related illness: the escalating pandemic of allergy, food intolerance and chemical sensitivity – Genuis et al, 2010
Proteomic analysis in allergy and intolerance to wheat products – Mamone et al, 2011
The spectrum of low molecular weight alpha-amylase/protease inhibitor genes expressed in the US bread wheat cultivar Butte 86 – Altenbach et al, 2011
Celiac disease, wheat allergy, and gluten sensitivity: when gluten free is not a fad – Pietzak, 2012
Neurologic and psychiatric manifestations of celiac disease and gluten sensitivity – Jackson et al, 2012
Molecular characterization of wheat allergens specifically recognized by patients suffering from wheat-induced respiratory allergy – Pahr et al, 2012
Meta-analysis: coeliac disease and the risk of all-cause mortality, any malignancy and lymphoid malignancy – Tio et al, 2012
An Update on Celiac Disease Histopathology and the Road ahead – Bao et al, 2012
Timing of introduction of gluten and celiac disease risk – Ludvigsson et al, 2012
Neurologic and Psychiatric Manifestations of Celiac Disease and Gluten Sensitivity – Jackson et al, 2012
Chemical sensitivity: pathophysiology or pathopsychology? Genuis, 2013
American Clinical Guidelines: Diagnosis and management of celiac disease – Rubio Tapia et al, 2013
Systematic review: worldwide variation in the frequency of coeliac disease and changes over time – Kang et al, 2013
Glyphosate, pathways to modern diseases II: Celiac sprue and gluten intolerance – Samsel et al, 2013
Non-Celiac Gluten Sensitivity: The New Frontier of Gluten Related Disorders – Catassi et al 2013
Fibromyalgia and chronic fatigue syndrome caused by non-celiac gluten sensitivity – Isasi et al, 2014
Narrative Review: Celiac Disease: Understanding a Complex Autoimmune Disorder, Alaedini et al, 2014

 

 

 

 

 

 

 

 

 

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Ketogene Ernährung und ihre medizinischen Einsatzmöglichkeiten - LowCarbGoodies

  2. Toller Bericht !

    Ich habe auch Hashimoto ernähre mich schon länger fast Glutenfrei und seit kurzen LowCarb.
    Ist es eigentlich schlimm spuren Gluten zu sich zunehmen?

    MFG Mario

    Antworten

    • Man soll 6 Monate EXTREM streng sein – wie bei Zöliakie. Danach soll man kein Gluten essen – muss aber nicht bei allem akribisch nachfragen. D.h. Saucen mit Mehl vermeide ich nach wie vor, frag aber bei Wurst oder ähnlichen nimmer nach. Offensichtlich glutenhältiges vermeide ich nach wie vor strikt. Diese Empfehlung hab ich von 3 Experten bekommen 🙂

      Antworten

      • Danke für die schnelle Anwort
        Dann werde ich das jetzt mal ausprobieren.

        Antworten

  3. Sehr interessanter Artikel. Besonders, weil ich darin lese, dass es nicht nur das Gluten sondern das Getreide allgemein sein kann. Das ist etwas, was ich für mich herausgefunden habe. Glutenfrei ist besser, aber die Symptome bleiben in leichterer Form.Gernauso wie Milchprodukte, die laktosefrei auch besser aber immer Beschwerden machen (ein Cappuccino ab und zu ist ok, aber mehr bringt mir dann Migräne). Lieben Gruss… Heidi

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